Making a difference


Wettbewerbskoordination für die adidas-Salomon AG Benjamin Hossbach 9/99

Nicht erschienen

Jesse Owens und die Jungs von Sepp Herberger trugen sie einst, genauso
wie heute Steffi Graf und Kobe Bryant. Die drei Streifen von adidas
prägen seit 50 Jahren das Bild des Sports und stehen für Qualität
und Weltrekorde, aber auch für Fairness, Freiheit und Spaß.
Entsprechend ging der Wandel der fränkischen Sportartikelfirma
zum global player stets einher mit der kontinuierlichen Pflege von Randsportarten
und des Nachwuchses; oft auch wider der Rentabilität. Adidas verkörpert
im globalen Wettstreit um Marktanteile die positiven Attribute der Originalität
und der Widmung für den ehrlichen Wettkampf. Da war es selbstverständlich,
dass für die Planung der neuen Firmenzentrale ein Architektenwettbewerb
ausgeschrieben wurde.

Ein besonderer Fall in Zeiten, in denen die Zahl der Wettbewerbe anhaltend
sinkt. Die passive Haltung der öffentlichen Hand und deren sukzessive
Privatisierung erzwingen eine Diskussion des reformbedürftigen
Wettbewerbswesens, das stärker auf die Ansprüche privater
Auslober eingehen sollte. Die Betreuung dieses Verfahrens bedeutete
da eine doppelte Herausforderung. Zum einen galt es, den hohen Ansprüchen
eines modernen Weltunternehmens gerecht zu werden, und zum anderen ein
Beispiel dafür zu setzen, in welcher Form ein privater Auslober
von Wettbewerben, zumal von offen ausgelobten, profitieren kann.

Letzteres ist unabdingbare Vorgabe, derer sich auch die Architektenschaft
in ihrer Diskussion klar sein muss. Wir müssen nicht ein Wettbewerbswesen
retten, das um seiner selbst existiert, etwa zur Nachwuchsförderung.
Sondern wir sollten diesen Geist des Experiments, der z.B. jene Nachwuchsförderung
als Element und nicht als Makulatur natürlich beinhaltet, wie eine
lebendige Diskussion begreifen die allen Seiten dient, und entsprechend
vermitteln. In der Sprache der Auslober gesprochen, sollte der Wettbewerb
einem Optimierungsprozess entsprechen, der dem Auslober in kurzer Zeit
preisgünstig eine Fülle von Varianten und neuen Ansätzen
bietet, die ihm in seinem Findungsprozess helfen.

Dafür ist es dienlich, den Ruf des Wettbewerbswesens auch innerhalb
der Architektenschaft aufzupolieren. Zu viele zurecht oder zu unrecht
als Kungelverfahren bezichtigte Verfahren haben, mit regionaler Colorierung,
immer die selben Preisträger gehabt. Die Vergabeverordnung hängt
wie ein Damoklesschwert über allem. Dazu kommt ein mit sinkendem
Bauvolumen exponential wachsendes Misstrauen, das wie so häufig,
auf Fehlinformationen fußt. Umso hilfreicher ist es, Transparenz
in solche Verfahren zu bringen, die sich, wie dieses, sogar juristischer
Angriffe erwehren musste. In diesem Fall glaubten einzelne Kollegen,
sie seien die einzig qualifizierten für die Aufgabe gewesen und
seien zu unrecht im Bewerbungsverfahren ausgeschieden. Vielmehr kann
man sagen, dass hier eine Reihe glücklicher Umstände endlich
mal positive Schlagzeilen für das Wettbewerbswesen möglich
gemacht haben.

Das Verfahren war als beschränkt offener, städtebaulicher
Realisierungswettbewerb mit 50 Teilnehmern nach einem vorgeschalteten,
offenen Bewerbungsverfahren ausgelobt worden. Es lässt sich in
fünf Schritte gliedern, die Dank auf allen Seiten ungewohnt offener
und unvoreingenommener Partner zielorientiert entwickelt werden konnten:
die Zusammenstellung der Auslobungsunterlagen, das Bewerbungsverfahren,
die Auswahl der Preisrichter, die Vorprüfung und schließlich
das Preisgericht.

Symptomatisch für die Ernsthaftigkeit der Auslober ist, dass unsere
Beratungstätigkeit weit vor diesem Wettbewerb begann und auch danach
weitergehen wird. Seit 1997 beraten wir die adidas-Salomon AG bei ihrem
Projekt, für dessen 1. BA (Mitarbeiterrestaurant) 1998 bereits
gemeinsam ein Wettbewerb durchgeführt wurde. Die Wettbewerbe werden
also nicht als zwanghaft eingeschobene Pause im eigentlichen Planungsprozess,
sondern als integrierte Schritte verstanden.


Auslobungsunterlagen

Der erste Verfahrensschritt ist die Erstellung von qualitativ hochwertigen
und damit hoch motivierenden Auslobungsunterlagen; quasi den Spielregeln.
Diese Grundlagenermittlung, die zugleich Abstimmung der Planungsziele
mit u.a. dem Stadtrat bedeutete, erläutert allen Beteiligten die
Aufgabe und wird trotz ihrer weitreichenden Konsequenz häufig vernachlässigt.


Bewerbungsverfahren

Um die gesetzten Regeln mit einem guten Spiel zu beleben, sollte die
Mannschaft gut zusammengestellt sein; am Besten eine Art Allstar-Team.
Das Bewerbungsverfahren ist, ähnlich wie im Sport, zurecht oft
in der Diskussion. Dabei darf es allerdings nicht missverstanden werden
als die Wahl der TOP 50 der internationalen Architekten- oder Stadtplanerschaft;
dazu gibt es andere Veranstaltungen. Ziel ist vielmehr, die Auswahl
jenes Teilnehmerfeldes, das in diesem Fall der adidas-Salomon AG und
der Stadt Herzogenaurach bei ihrer speziellen Aufgabe eine Auswahl an
Entwürfen präsentieren würde, die ihnen in ihrer gemeinsam
zu fällenden Entscheidung dienen würde. Dabei war es für
die Weltfirma adidas-Salomon AG genauso selbstverständlich, dass
weltweit ausgelobt wurde, wie dass es für diese Firma, die von
Dynamik und Kreativität lebt, nur konsequent war, eine große
Zahl von jungen Architekten auszuwählen.

Grundlage der Entscheidung des Gremiums mit Vertretern der Auslober,
des Preisgerichts und unseres Büros, war die übersichtliche
Aufbereitung aller 266 Bewerbungen; jeweils reduziert auf das in der
Wettbewerbsanzeige geforderte Maximalmaß. Die zahlreichen zusätzlich
eingereichten Broschüren, Bücher etc. fanden keine Berücksichtigung.
Die getroffene Auswahl versprach das gewünschte breite Spektrum,
das eine bewusste und sorgfältige Entscheidung im Preisgericht
ermöglichen würde.

Wenn man die Chance zur Teilnahme betrachtet, haben Losverfahren sicher
einen höheren Grad an Fairness. Da die Wettbewerbsaufgabe jedoch
enorm komplex war, wurde aus einer anderen Form von Fairness heraus
für das nicht anonyme Bewerbungsverfahren entschieden. Die Erfahrung
zeigt, das bei derartigen Aufgaben die Ausfallquote bei Losverfahren
zu groß ist, und die Auswahl an qualitätsvollen Arbeiten
letztenendes zu klein, um dem Auslober das gewünschte seriöse
Ergebnis zu geben. Die hohe Zahl der eingereichten Arbeiten und deren
Qualitätsniveau bestätigen diese Entscheidung, die jedoch
für jede Aufgabe neu gefunden werden sollte.


Preisrichter

Jedes Allstar-Team kann nur wirklich brillieren, wenn auch die "gegnerische"
Mannschaft hervorragend besetzt ist. In Abstimmung mit der Kammer wurde
ein heterogenes, regional gemischtes Team aus Fachleuten zusammengestellt,
die sich durch Kompetenz und vor allem Flexibilität ausgezeichnet
haben. So gelang es, z.B. in der Preisrichtervorbesprechung die Auslobungsunterlagen
konstruktiv im Sinne der Teilnehmer und Auslober zu verbessern. Zudem
signalisieren die Namen der Preisrichter den Teilnehmern eine Offenheit
im Preisgericht gegenüber allen neuen und alten Ideen verschiedenster
Denkansätze.


Vorprüfung

Vielleicht ist sie zu vergleichen mit der Bewertung in der Eiskunstlauf-Pflicht,
vielleicht aber auch nicht. Sinn und Zweck ist es, alle wesentlichen
Aspekte der einzelnen Arbeiten zu erkennen, und dann dem Preisgericht
zeitökonomisch, verständlich und damit kurzweilig zu präsentieren.
Je nach Wettbewerbsaufgabe sind daher der Einsatz von übersichtlichen,
wenn möglich farbigen Diagrammen und Plandarstellungen im Vorprüfbericht
und eventuell speziellen Projektionstechniken während des Preisgerichts
hilfreich.

Insofern kann man bei der Vorprüfung auch eine Parallele zum Equipment
der Sportler ziehen, das ihnen die Voraussetzung für eine gelungenes
Spiel gibt.

Mit einem besonders aufwendigen Vorprüfbericht haben wir versucht,
der Komplexität dieser Aufgabe und dem Anspruch der Auslober gerecht
zu werden. Der Zuspruch insbesondere seitens der Hauptadressaten, der
Sachpreisrichter, bestätigt den Erfolg der einmonatigen Arbeit
eines 12-köpfigen Teams.


Preisgericht

Das Preisgericht könnte man als 2. Halbzeit innerhalb des "Wettbewerbs-Spiels"
begreifen. Nachdem das Teilnehmer-Team in der 1. Halbzeit die aktive
Rolle gespielt hat, sind es jetzt die Preisrichter. Je besser deren
Tagesform ist, und umso mehr sie von den Teilnehmern herausgefordert
werden, umso spannender ist das Spiel. Dem Niveau einer Weltmeisterschaft
gerecht wurde das Preisgericht in Herzogenaurach; international besetzt
und mit allen Wassern gewaschen. Zwei volle Tage dauerte das Spiel,
jeder kam an den Ball, bis zum Schluss ein klarer Sieger feststand.
Auch wenn sie unter Vertrag bei Nike steht, kann man Herzogenaurach
zu einem Entwurf gratulieren, der mit einem Spielzug der brasilianischen
Nationalmannschaft zu vergleichen ist: schlicht, schön genial.


So viel zum Ablauf des Verfahrens. Festzuhalten ist, dass die Teilnehmer
den Aufruf des Vorstandmitglieds der adidas-Salomon AG im Rückfragenkolloquium
erhört haben, dass sie zwar all die vielen genannten Randbedingungen
beachten mögen, sie aber auch überschreiten sollten, wenn
sie der Kreativität im Wege stehen. Mit einem ähnlichem Ansatz
könnte es möglich sein, die Regularien des GRW-Spiels zu korrigieren,
bzw. flexibler zu gestalten, um noch viele weitere weltmeisterliche
Ergebnisse zu erhalten. "Schaun mer mal ..."